Interview: Pflege und Teilhabe zusammen denken
Menschen mit Assistenzbedarf werden älter. Damit steigen auch die Pflegebedarfe. Das stellt die Eingliederungshilfe vor neue Herausforderungen. Dr. Ralf Tebest hat im August 2025 die neu geschaffene „Stabsstelle EGH & Pflege“ in der Sozialwerk St. Georg Teilhabe übernommen. Im Interview erläutert er, wie das Sozialwerk St. Georg auf diese Entwicklung reagiert und warum Pflege und Selbstbestimmung kein Widerspruch sind.
Herr Tebest, warum beschäftigt sich das Sozialwerk St. Georg derzeit intensiv mit dem Thema Pflege?
Menschen mit Assistenzbedarf werden heute deutlich älter als noch vor einigen Jahrzehnten. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Gleichzeitig nehmen mit dem Alter Pflegebedürftigkeit und altersbedingte Erkrankungen zu. Die Eingliederungshilfe war ursprünglich vor allem auf jüngere Menschen ausgerichtet. Deshalb stehen wir heute vor der Aufgabe, unsere Strukturen weiterzuentwickeln, damit auch ältere Menschen mit Assistenzbedarf gut begleitet werden können.
Wo liegen die größten Herausforderungen?
Die meisten Menschen möchten auch dann in ihrem gewohnten Wohnumfeld bleiben, wenn sie pflegebedürftig werden. Das unterstützen wir ausdrücklich. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Begleitung. Mitarbeitende müssen beispielsweise mit gesundheitlichen Einschränkungen, Mobilitätsverlust oder komplexen Krankheitsbildern umgehen. Hinzu kommt der allgemeine Fachkräftemangel in der Pflege. Das alles stellt Einrichtungen und Teams vor große Herausforderungen.
Wie wirkt sich das konkret im Alltag aus?
Ein Beispiel sind Freizeitaktivitäten oder Ausflüge. Was früher selbstverständlich war, wird schwieriger, wenn Menschen auf umfangreiche Unterstützung angewiesen sind. Auch die Tagesgestaltung verändert sich. Immer mehr Klient:innen besuchen aufgrund ihres Alters beispielsweise keine Werkstatt mehr und benötigen stattdessen andere Angebote. Hier brauchen wir neue Wege, die Pflege und Teilhabe berücksichtigen.
Welche Aufgabe haben Sie in diesem Entwicklungsprozess übernommen?
Mein Auftrag besteht darin, die aktuelle Situation im Sozialwerk zu analysieren, daraus konkrete Handlungsschritte abzuleiten und deren Umsetzung zu begleiten. Am meisten gefällt mir an dieser Aufgabe, dass ich hier sehr eng mit ganz vielen Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Professionen und mit unterschiedlichen Rollen zusammenarbeiten muss und darf. So führt jeder Tag zu neuen Erkenntnissen und Erfahrungen, die mir bei der erfolgreichen Umsetzung meines Auftrags helfen.
Was bedeutet das für die zukünftige Angebotsentwicklung?
Wir möchten passgenaue Angebote für diese Zielgruppe schaffen. Dabei geht es nicht nur um einzelne Maßnahmen, sondern um die grundsätzliche Frage, wie Wohnen, Assistenz, Pflege und Teilhabe zusammen gedacht werden können. Der Bedarf wächst bundesweit. Deshalb sehen wir hier die Chance, innovative Konzepte zu entwickeln und neue Wege zu gehen.
Welche Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen?
Eine sehr große. Die Anforderungen lassen sich nur in interprofessionellen Teams bewältigen. Pflegefachkräfte, pädagogische Fachkräfte und andere Assistenzkräfte bringen unterschiedliche Perspektiven und Kompetenzen ein. Gute Zusammenarbeit gelingt dort, wo die Expertise aller Berufsgruppen wertgeschätzt und gemeinsam nach Lösungen gesucht wird.
Pflege wird häufig mit Versorgung und Fürsorge verbunden, Eingliederungshilfe dagegen mit Selbstbestimmung und Teilhabe. Entsteht daraus ein Spannungsfeld?
Ja, dieses Spannungsfeld gibt es. Aber Pflege und Teilhabe dürfen kein Gegensatz sein. Unser Ziel ist es, Menschen auch bei zunehmendem Pflegebedarf ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Die Frage lautet nicht: Pflege oder Teilhabe? Sondern: Wie können wir beides miteinander verbinden? Diese Haltung ist für uns zentral.
Gibt es Situationen, in denen eine Versorgung innerhalb des Sozialwerks nicht mehr möglich ist?
Es gibt bereits Fälle, in denen derzeit ein Wechsel in eine Altenpflegeeinrichtung die einzige Alternative darstellt. Unser Anspruch ist jedoch, Menschen möglichst lange in ihrem vertrauten Umfeld zu begleiten. Deshalb beschäftigen wir uns strategisch mit diesem Thema und suchen nach Wegen, eine Versorgung innerhalb des Sozialwerks auch bei steigenden Pflegebedarfen zu ermöglichen.
Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Was wünschen Sie sich für das Sozialwerk St. Georg?
Ich wünsche mir, dass wir zeigen können: Pflegebedürftigkeit darf nicht dazu führen, dass Menschen Teilhabemöglichkeiten verlieren. Unser Ziel ist es, auch im Alter und bei hohem Unterstützungsbedarf ein Leben in vertrauter Umgebung und mit größtmöglicher Selbstbestimmung zu ermöglichen. Genau daran arbeiten wir.