Demokratie braucht jede Stimme
Gesellschaftliche Debatten sind rauer geworden. Demokratische Werte werden zunehmend infrage gestellt, menschenfeindliche Positionen gewinnen an Sichtbarkeit und viele Menschen sorgen sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gerade deshalb ist es dem Sozialwerk St. Georg wichtig, Haltung zu zeigen: für Demokratie, Vielfalt und Teilhabe. Seit vielen Jahren unterstützt das Sozialwerk Menschen mit Assistenzbedarf dabei, sich politisch einzubringen, ihre Meinung zu äußern und gesellschaftliche Entwicklungen mitzugestalten. Auch 2025 wurde an vielen Standorten deutlich, wie lebendig und vielfältig politische Teilhabe im Alltag gelebt werden kann.
Politische Teilhabe bedeutet mehr als Wahlen oder politische Institutionen. Sie beginnt dort, wo Menschen lernen, ihre Interessen zu vertreten, Fragen zu stellen, Haltung zu zeigen und sich als Teil der Gesellschaft zu erleben.
Im direkten Austausch mit der Politik
Ein besonderer Schwerpunkt lag 2025 auf dem direkten Austausch mit Politiker:innen. Im Wohnforum Volmetal in Lüdenscheid organisierte Regionalleiter Axel Zappe im Vorfeld der Bundestagswahl Gesprächsrunden mit Vertreter:innen verschiedener Parteien. Gemeinsam mit den Klient:innen wurden Parteien ausgewählt, Fragen vorbereitet und Themen gesammelt, die die Menschen persönlich beschäftigen. Klient:innen sprachen unter anderem über Barrieren im Arbeitsleben, Sorgen im Zusammenhang mit politischen Entwicklungen oder den Wunsch nach mehr gesellschaftlicher Akzeptanz. Gleichzeitig erhielten auch die Politiker:innen unmittelbare Einblicke in die Lebensrealität von Menschen mit Assistenzbedarf.
Auch nach der Bundestagswahl blieb der politische Austausch präsent. In Gesprächsrunden reflektierten Klient:innen gemeinsam die Wahlergebnisse, diskutierten gesellschaftliche Entwicklungen und tauschten Sorgen, Hoffnungen und Erwartungen aus. Viele äußerten die Befürchtung, dass sich gesellschaftliche Spannungen verschärfen könnten.
Wie wichtig politische Bildung im Alltag ist, zeigte sich auch an vielen weiteren Orten im Sozialwerk. So organisierte zum Beispiel Sandra Sonnenberger aus dem Ambulant Betreuten Wohnen in Lüdinghausen erneut ein „Wohnzimmergespräch“ mit Bürgermeisterkandidaten zur Kommunalwahl. Klient:innen aus unterschiedlichen Wohnangeboten nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen und eigene Ideen einzubringen, etwa zu barrierefreien Freizeitangeboten oder bezahlbarem Wohnraum. Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, wie politische Teilhabe gelingen kann, wenn Menschen ernst genommen werden und ihre Anliegen direkt einbringen können.
Demokratie sichtbar gestalten
Dass Demokratie auch kreativen Ausdruck braucht, zeigte eine Aktion in Netphen. Dort gestalteten Klient:innen und Mitarbeitende im Vorfeld der Kommunalwahl ein eigenes Demokratie-Plakat. Ausgangspunkt war die Auseinandersetzung mit Wahlplakaten im Umfeld der Einrichtung. Aus Unsicherheit und Betroffenheit entstand ein positives Zeichen für Vielfalt und Menschlichkeit. Gemeinsam entwickelten die Beteiligten ein Plakat mit bunten Handabdrücken und der Botschaft: „Unsere Hände sind bereit für Respekt & Menschlichkeit“.
Auch kulturelle und kreative Formate spielten 2025 eine wichtige Rolle. In der Theater-Workshop-Reihe „Gemeinsam für Demokratie“ setzten sich Klient:innen und Mitarbeitende gemeinsam mit der Theatergruppe „Die Mimosen“ mit Zivilcourage, Ausgrenzung und demokratischen Werten auseinander. In Rollenspielen und Alltagsszenen probierten die Teilnehmenden aus, wie man in diskriminierenden oder bedrohlichen Situationen reagieren und Haltung zeigen kann. Unterstützt wurde das Projekt durch das Bundesprogramm „Z:T – Zusammenhalt durch Teilhabe“.
Kurz vor den Kommunalwahlen setzte schließlich auch das „Fest der Vielfalt“ in Hilchenbach ein sichtbares Zeichen für Demokratie und Toleranz. Menschen aus dem Sozialwerk St. Georg beteiligten sich gemeinsam mit vielen weiteren Initiativen an einem Fest der Begegnung und des Austauschs. Besonders eindrucksvoll war der Auftritt der Trommelgruppe aus dem Pluspunkt St. Georg in Kreuztal, die mit ihrer Musik Teil des vielfältigen Programms wurde.
Politik aktiv mitgestalten
Wie politische Teilhabe ganz konkret aussehen kann, zeigte Mike Vollmer aus der Lenne-Werkstatt. Der engagierte Werkstattrat kandidierte 2025 für den Stadtrat in Schmallenberg und setzte sich insbesondere für Barrierefreiheit, Leichte Sprache und mehr Inklusion ein. Seine Kandidatur machte sichtbar, dass Menschen mit Assistenzbedarf Politik nicht nur begleiten, sondern mitgestalten können.
Ein weiterer wichtiger Baustein politischer Bildung sind seit Jahren die Bildungsfahrten zur Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald. Organisiert werden sie von Beginn an von Axel Zappe, Regionalleiter in der Region Ennepe Ruhr und Märkischer Kreis. 2025 fand eine dreitätige Fahrt mit Klient:innen statt. Die intensive Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, Menschenfeindlichkeit und der Bedeutung von Demokratie bewegt viele Teilnehmende nachhaltig. Die Fahrten machen deutlich, warum es wichtig ist, sich aktiv gegen Ausgrenzung, Extremismus und Diskriminierung einzusetzen. Für 2026 ist wieder eine mehrtägige Bildungsfahrt in das ehemalige Konzentrationslager geplant. Diese wird von der Stiftung Sozialwerk St. Georg finanziert.
Demokratie im Alltag leben
Die Beispiele aus dem Jahr 2025 zeigen nur einen Ausschnitt der vielen Aktivitäten im Sozialwerk St. Georg rund um politische Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Sie machen deutlich, mit wie viel Engagement Mitarbeitende Menschen mit Assistenzbedarf dabei begleiten, ihre Stimme zu erheben, Verantwortung zu übernehmen und Demokratie aktiv mitzugestalten. Denn Demokratie lebt davon, dass alle Menschen die Möglichkeit haben, gehört zu werden.